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Zwischen Flow und Zeitnot

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Zwischen Flow und Zeitnot

Tipps für ein selbstbestimmtes Zeiterleben

Abwechslung im Job? Ja bitte! Ein stimulierendes Arbeitsumfeld? Unbedingt! Aber aufgepasst: Die Dynamik fordert uns zu einer schwierigen Gratwanderung zwischen Flow und Zeitnot – denn beides sind Formen beschleunigter Zeitwahrnehmung. Damit wir selbstbestimmt und souverän mit unserer Zeit umgehen können, hilft es zu verstehen, wie unser Zeitempfinden entsteht.

Für unsere Zeitwahrnehmung während des Erlebens ist die Aufmerksamkeit der wichtigste Einflussfaktor. Fokussieren wir uns stark auf die Zeit (temporale Information), bspw. beim Warten auf die Bahn, scheint die Zeit besonders langsam zu verstreichen. Geben wir uns hingegen mit vollem Fokus einer Tätigkeit hin (non-temporale Information), z.B. dem Schreiben eines Blogbeitrags, dann vergeht die Zeit wie im Flug. Unsere Aufmerksamkeit agiert also als Gatekeeper. Je nachdem worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken, verarbeitet das Gehirn zwei verschiedene Formen von Information: temporale und non-temporale. Je weniger temporale Information kognitiv verarbeitet wird, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen.

Temporale und non-temporale Informationen greifen auf die gleichen kognitiven Verarbeitungsressourcen zurück. Unsere Zeitwahrnehmung wird deshalb auch dadurch beeinflusst, wie viel um uns und in uns passiert (Menge an Stimuli) und wie viel kognitive Leistung wir benötigen, um unsere Aufgaben zu bewältigen. Die zur Bewältigung einer Aufgabe erforderliche kognitive Leistung hat somit Auswirkungen auf unsere Zeitwahrnehmung. Je höher die kognitive Belastung ist, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. Denn je mehr Ressourcen zur Verarbeitung von non-temporalen Informationen beansprucht werden, desto weniger kognitive Kapazität bleibt, um temporale Informationen zu verarbeiten.

Auch die Menge verfügbarer Stimuli beeinflusst unsere Zeitwahrnehmung. Je mehr um uns herum passiert, desto mehr kognitive Kapazität verwenden wir auf dessen Verarbeitung und desto weniger Ressourcen verbleiben für die Verarbeitung von temporaler Information. Wenn wir viel erleben, vergeht die Zeit also schnell.

Auch unsere physiologische Erregung beeinflusst unsere Zeitwahrnehmung. Wenn wir bspw. aufgeregt sind, beschleunigt sich unser Puls und wir ticken innerlich schneller. Die Frequenz der Zeitimpulse erhöht sich also.

Mit diesem Wissen im Gepäck geht es nun zurück ins Office. Wo greifen die soeben beschriebenen Einflussfaktoren? Und wie können wir unsere Zeitwahrnehmung gezielt positiv beeinflussen?

 

Reizüberflutung kostet Zeit

Unsere tägliche Arbeit wird von vielen Störfaktoren begleitet: eingehende E-Mails, Zwischenfragen von Kollegen, Gespräche am Nachbartisch, das Klingeln des Telefons oder eine neuen Push-Nachricht auf dem Smartphone. Eine Menge an Stimuli prasselt auf uns ein und begünstigt eine beschleunigte Zeitwahrnehmung.

Was können wir tun? Eine Maßnahme ist, unsere Erreichbarkeit bewusst einzuschränken, d.h. das E-Mail-Programm zu schließen und das Handy stumm zu schalten, um für zwei Stunden konzentriert an der neuen Pitch-Präsentation zu arbeiten.

Auch stilles Arbeiten entschleunigt: Wir können „stille Stunden“ im Büro vereinbaren, z.B. am Vormittag bis zum Mittagessen, denn in diesem Zeitraum ist die kognitive Kapazität besonders hoch. Und falls die Kollegen nicht mitmachen wollen, können wir uns ganz einfach in einen leeren Meeting-Raum zurückziehen.

 

Monotasking statt Multitasking

Multitasking ist ein echter Zeitkiller. Trotzdem springen wir im Alltag ständig zwischen verschiedenen To Do’s hin und her. Die Recherche für ein neues Konzept, das Design einer wichtigen Präsentation, die E-Mail an den Kunden und das Korrekturlesen für eine Kollegin – alles läuft parallel. Das ständige zappen zwischen verschiedenen Tätigkeiten führt zur Fragmentierung der Zeit in immer kleinere Sequenzen. Und je höher die Veränderungsrate ist, desto schneller vergeht die Zeit. Gleichzeitig werden vormals freie Mikro-Ressourcen durch andere Tätigkeiten gebunden. Die Zeit verdichtet sich und scheint schneller zu verstreichen.

Was dabei hilft? Arbeitsblöcke bilden: wichtige Telefonate hintereinander erledigen, E-Mails sammeln und am Stück beantworten oder einfach mal Telefon und E-Mails auf stumm schalten und sich der Präsentation widmen, die seit Tagen ganz oben auf der To Do-Liste steht.

 

Flow oder die Auflösung der Zeit

Wenn wir uns wirklich konzentriert einer Sache widmen und sie ohne Störungen durcharbeiten, kommen wir vielleicht sogar in einen Zustand des Flow. Laut Definition im Duden bezeichnet Flow das „als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustands völliger Vertiefung (Konzentration) und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit […]. Auf Deutsch in etwa Schaffens- bzw. Tätigkeitsrausch oder auch Funktionslust.“ In diesem Zustand löst sich unser Zeitempfinden komplett auf und wir sind völlig in den aktuellen Moment vertieft. Dies ist wohl die harmonischste Form beschleunigter Zeitwahrnehmung. Sie eröffnet sich uns nur dann, wenn wir uns mit unserer gesamten Aufmerksamkeit einer Tätigkeit widmen. Let that sink in!

 

Die ehrliche To Do-Liste

To Do-Listen schaffen freie Kapazitäten im Kopf, häufig aber keine Kapas in puncto Zeit. Denn meistens planen wir zu wenig Zeit für die zu erledigenden Tätigkeiten ein. In der Forschung spricht man dabei vom optimistischen Planungsfehlschuss. Trotz gegenteiliger Erfahrungen unterschätzen wir den Zeitaufwand für unsere Handlung ziemlich häufig.

Warum das so ist? Wir befinden uns dabei in einer realisierungsorientierten Bewusstseinslage und verzerren Informationen und Erfahrungen zugunsten unseres Ziels. Das Ergebnis ist oft eine disharmonische Zeiterfahrung: Wir überfrachten unser Zeitkontingent mit Aufgaben, was als Ergebnis in einem Gefühl der Zeitknappheit resultiert.

In unserem Zeitalter des Effizienzstrebens neigen wir außerdem dazu Pausen und Wartezeiten heraus zu kürzen oder möglichst „sinnvoll“ zu nutzen. Diese exakte Planung führt zur Verdichtung der Zeit und erhöht das Risiko einer disharmonischen Zeiterfahrung: Durch das Herauskürzen von Leerzeiten gehen Pufferzeiten für unvorhergesehene oder falsch kalkulierte Zeitverzüge verloren. Eine Abweichung vom Zeitplan kann an dieser Stelle zu einem starken Gefühl der Zeitnot führen. Um der Entstehung von Zeitnot vorzubeugen, hilft es also, deutlich mehr Zeit einzuplanen als wir dem ersten Impuls nach für die Tätigkeit ansetzen.

 

Nur echte Pausen entschleunigen

Um etwas Fahrt aus dem Arbeitsalltag zu nehmen, hilft es auch, bewusst kurze Pausen einzulegen. Damit ist allerdings keine Kaffeepause gemeint. Wichtig ist, dass in dem Zeitintervall so wenig wie möglich passiert. Stellen wir unsere Tätigkeiten also für einen Moment komplett ein und versuchen, unsere Sinne so wenigen Reizen wie möglich auszusetzen. Der Rückzug in einen ruhigen Ort, um für einen Moment die Augen zu schließen, hilft dabei akustische und visuelle Reize zu minimieren. Nehmen wir uns bewusst fünf Minuten Zeit für Leere: Aufrechter Sitz, vertiefter Atem, den Blick nach innen gerichtet. Leere Intervalle entschleunigen, denn wenn im Außen nur wenige Reize vorhanden sind, verarbeitet das Gehirn überwiegend zeitliche Informationen. Die Zeit scheint dann langsamer zu vergehen.

 

Die Glorifizierung von ‚Busyness’

Zeitwahrnehmung ist eine höchst individuelle Erfahrung. Gleichzeitig ist jeder von uns auch in den gesellschaftlichen Kontext eingebettet und wird von diesem beeinflusst. Neben den psychologischen Einflussfaktoren, beeinflussen deshalb auch eine Vielzahl an soziokulturellen Parametern unsere Zeitwahrnehmung. Kulturspezifische Normen wie bspw. die soziale Erwünschtheit von Zeitknappheit tragen maßgeblich zur beschleunigten Zeitwahrnehmung bei. Zeitnot und Stress sind in unserer Gesellschaft mit Prestige und Erfolg verknüpft und ein sprachlich verstärktes Phänomen.

Persönlicher Erfolg wird mit Busyness verbunden. Diese signalisiert Begehrtheit und Produktivität und funktioniert als positiv konnotiertes Anerkennungsmuster. Doch umso effizienter und erschöpfender wir unsere Zeit verplanen und nutzen, desto anfälliger werden unsere Zeitmuster. Schon kleine Abweichungen können zu großen Zeitproblemen führen, denn je umfassender das Zeitpotential ausgeschöpft wird, desto weniger Spielraum bleibt uns für Planungsfehler und unvorhergesehene zeitliche Abweichungen. Der Druck des Gelingens erhöht sich und im Falle des Scheiterns droht zeitliche Disharmonie.

 

Rasende Zeit – rennen wir mit?

Fakt ist, dass weder das Tempo der modernen Arbeitswelt, noch die Menge an Reizen die täglich auf uns einprasseln in der Zukunft abnehmen werden. Machtlos sind wir deshalb trotzdem nicht. Es gibt viele einfache Kniffe, die wir anwenden können, um uns etwas Luft zu verschaffen. Und diese machen uns nicht nur entspannter, sondern unterstützen uns auch noch dabei konzentrierter zu arbeiten. Wenn wir ehrlich sind, kennen wir die meisten sogar bereits. Nur an der Umsetzung müssen wir noch ein bisschen feilen.

 

Geschrieben von Charlotte

*In meiner Masterarbeit „Rasende Zeit – Zeiterfahrungsmuster der Beschleunigung“ findet ihr 24 psychologische und soziokulturelle Faktoren, die die individuelle Zeitwahrnehmung beeinflussen. Interesse geweckt? Schickt mir eine Mail an charlotte@zibert.com und ich lasse euch die vollständige Arbeit gerne zukommen.

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